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Sensationsfund im Annaberger Stadtarchiv

Es war die Meldung des Tages und kein Aprilscherz:
„PRESSEMITTEILUNG

Sensation: Annaberger Stadtrechtsurkunde von 1497 entdeckt
Verschollen geglaubtes Dokument nach 72 Jahren zurück

Die Nachricht ist eine Sensation. Vor wenigen Tagen wurde im Archiv der Stadt Annaberg-Buchholz ein Schriftstück mit Siegel entdeckt, das zu den wertvollsten Dokumenten in ganz Sachsen zählt. Sofort durchgeführte Recherchen und Prüfungen ergaben:
Es handelt sich um das Original jener Urkunde, mit der Herzog Georg der Bärtige der „Neuen Stadt am Schreckenberg“ das Stadtrecht verlieh.
Darin werden der neugegründeten Kommune selbstständige Verwaltung und Rechtssprechung, Wege- und Marktrecht, Zoll- und Geleitsfreiheit, Brot-, Fleisch- und Salzmärkte, Mahlrecht sowie eine eigene Waage verliehen. Das Dokument bildete die rechtliche Basis für die Entwicklung der neu gegründeten Stadt.

Nach 72 Jahren tauchte das verschollen geglaubte Dokument vor wenigen Tagen wieder auf. Inzwischen ist es wieder am richtigen Platz ordnungsgemäß archiviert.
Während einer planmäßigen Revision öffnete ein Mitarbeiter ein Behältnis, das mit „Erbzins 1497“ beschriftet war. Darin fanden sich jedoch keine Zinslisten, sondern die Annaberger Stadtrechtsurkunde vom 28. Oktober 1497. Bisher war ihr Verbleib unbekannt.
Die letzten beiden Schreiben zu dem Dokument stammen aus dem Jahr 1938. Im Schreiben der Stadt Annaberg wird dem Heimatwerk Sachsen die Übersendung der Stadtrechtsurkunde angekündigt. Das wertvolle Dokument sollte dabei im Rahmen einer Ausstellung gezeigt werden. Im Antwortschreiben aus Dresden wird die Ankunft des Dokuments bestätigt.

Die Stadt vermutet, dass das Dokument in den Wirren des 2. Weltkrieges zurück gegeben wurde. Aufgrund dessen, dass in dieser Zeit zum Teil keine Fachkräfte im Archiv beschäftigt waren, ist die Stadtrechtsurkunde aller Wahrscheinlichkeit nach falsch interpretiert und nicht korrekt archiviert worden.

Stadtrechtsurkunde – Grundlage für boomhafte Stadtentwicklung

Die Verleihung von Stadtrechten an die „Neue Stadt am Schreckenberg“ war die logische Folge einer Entwicklung, die im 13. Jahrhundert begann und sich am Ende des 15. Jahrhunderts deutlich beschleunigte.
Bereits vor rund 800 Jahren begann die erste Besiedlung des Gebietes am Pöhlberg. Bauern aus Franken gründeten in den Seitentälern der Flüsse Sehma und Pöhla die Dörfer Cunersdorf, Frohnau, Kleinrückerswalde und Geyersdorf.
Im 15. Jahrhundert entwickelte sich ein neuer Wirtschaftszweig. Aus dem Jahr 1469 gibt es Hinweise über erste bergbauliche Aktivitäten am Osthang des Pöhlberges. Der eigentliche Aufschwung der Region folgte etwa zwanzig Jahre später.

Am 28. Oktober 1491 entdeckte der Frohnauer Bergmann Caspar Nietzel einen Silbergang am Fuße des Schreckenberges. In der Folge setzte ein großes „Berggeschrei“ ein, das sich nur mit dem Ruf „Gold am Klondike-River“ vergleichen lässt. Die Nachricht vom Silbersegen verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Tausende Bürger kamen in die Region, um im Erzgebirge ihr Glück zu finden.
Am 21. September 1496 beschloss eine Kommission, die „Neue Stadt am Schreckenberg“ zu gründen. Sie war im Auftrag des Herzogs unterwegs und legte fest, an welchen Stellen Stadtmauer, Markt und Kirche errichtet werden sollten. Wenige Monate später standen die ersten Häuser. Die Verleihung von Stadtrechten im Jahr 1497 stellte die Entwicklung des neuen Gemeinwesens auf eine sichere rechtliche Basis.

Die folgenden Jahren bescherten der Stadt einen kometenhaften Aufstieg. Innerhalb weniger Jahre entstanden Häuser, Straßen und Stadtmauer. Von 1499 bis 1525 wurde die monumentale St. Annenkirche errichtet. Heute stellt sie die größte spätgotische Hallenkirche Sachsens dar.

Innerhalb des 16. Jahrhunderts entstanden über 900 Gruben. Das Jahr 1537 brachte die größte Ausbeute. Allein im Himmlisch-Heer/Dorothea-Stolln fand man dabei 9,2 t Reinsilber.
Der Bergbau bedingte viele andere Gewerbe. Im Zusammenhang mit den Aufbau der Stadt und der gewaltigen St. Annenkirche siedelten sich zahlreiche Handwerker an. Allein im 16. Jahrhundert gründeten sich Innungen in 33 verschiedenen Handwerken. Viel auswärtiges Kapital floss in die Stadt. Geschäftsbeziehungen, aber auch familiäre Bindungen entwickelten sich zu den großen Handelsstädten im Süden und Westen sowie zu Fürstenhäusern.

Renommierte Künstler betätigten sich bei Ausgestaltung der St. Annenkirche und des Annaberger Franziskanerklosters. Gelehrte, wie der Rechenmeister Adam Ries, fanden große Betätigungsfelder als Privatlehrer und Bergbaubeamte.
Der Zuzug hielt über Jahrzehnte an. Nach nur 30 Jahren war Annaberg nach Freiberg die zweitgrößte Stadt Sachsens.
Die benachbarte Siedlung, St. Katharinenberg im Buchenholz, gelegen im ernestinischen Sachsen, erhielt 1501 von Kurfürst Friedrich dem Weisen Stadtrechte.

im Auftrag Matthias Förster – Pressestelle“
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Auch wir, die wir den Glückauf-Blog betreiben, bekamen eine Einladung, diesem Höhepunkt in der Geschichte unserer Großen Kreisstadt als Medienvertreter beizuwohnen. Es war beeindruckend, zu sehen, wie gut erhalten dieses Papier, welches so viel Geschichte bedeutet, erhalten ist. Noch beeindruckender, dass Herr Thomas Möckel, ein Mitarbeiter, der durch eine Fortbildungsmaßnahme im Stadtarchiv eine Beschäftigung fand, dieses wertvolle Dokument bei einer Revision in einer ebenso gut erhaltenen Pappschachtel fand.

Eine Frage, welche wohl alle interessiert, konnte allerdings noch nicht beantwortet werden:
Wo und wann kann die Öffentlichkeit dieses wertvolle Stück einmal bestaunen?

Auch wenn es noch keine Antwort gab, bin ich mir sicher, dass dies irgendwann einmal der Fall sein wird. Zunächst allerdings wird diese Annaberger Stadtrechtsurkunde wieder sicher im Annaberger Stadtarchiv verwahrt, in der Hoffnung, dass diese beim nächsten Mal dann schneller auffindbar ist.

Für die Interessenten, welche den Text gern wüßten, der in dieser Urkunde geschrieben steht, hier eine PDF-Datei mit der transliterierten Fassung des Originaltextes: Transliterierte Fassung des Originaltextes der Annaberger Stadtgründungsurkunde
:

(Videolink)
Fotos und Video copyright by Thomas Jacobi

2 Kommentare

  1. Der Name meiner Familie ( früher auch Nietzel , Niezel ) verbindet
    mich mit der alten Geschichte von Annaberg und dem sagenhaften
    Urahn Caspar Nietzel von 1491 .
    Der älteste histor. belegte Ahn ist ein Niezel Johann Gottlieb .
    Er lebte als Ökonom und Verwalter auf Gut Lassoth /Neisse/Schlesien und starb dort am 11.03.1820 mit 49 Jahren .
    Er ist dort zugewandert .Vielleicht kam er aus dem Erzgebirge .
    Gibt es in Annaberg ein Archiv über die alten Familien ?
    Gibt es noch alte Kirchenbücher und wo lagern sie ?
    Vielleicht können Sie mir helfen .
    mit freundlichen Grüssen Doris Nitzel

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  2. Guten Tag Frau Doris Nitzel, da wir Ihre E-Mail Adresse nicht haben, können wir leider unsere Quelle und Recherche nicht weiter leiten. Wir haben eine Adresse für Sie, wo Sie mit großer Wahrscheinlichkeit geholfen bekommen. Bitte melden Sie sich bei uns, auch gerne unter info@annaberger-internet.de.
    Liebe erzgebirgische Grüße von René Goldschadt

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