Kät vor 80 Jahren

So stand es im Annaberger SonntagsblattKaet-Postkarte
Während es am Pfingstfeste des Jahres 1861 in Annaberg geregnet und geschneit hatte und der ehrsame Wochenblattredakteur Carl Ludwig Schreiber unter schützendem Dache in warmer Stube der Ankunft des Frühlings durch die angelaufenen Fensterscheiben entgegensah, zogen im Laufe der Woche die schwarzen Wolken allmählich auseinander, und das Wetter klärte auf. In reinstem Azurblau strahlte am Trinitatissonntag der unbewölkte Himmel, und von nah und fern zogen vom frühen Morgen an zu allen Toren Annabergs die Wallfahrer des Trinitatisfestes herein. Wie wogten am 26. Mai1861 in Annaberg allenthalten in buntem Gewühle die unzählbaren Volksmassen durcheinander – mit weiten, steifen Krinolinen, mit eleganten Fracks und stutzerhaften Nasenklemmern, in hohen Karossen -, wir sahen sie still vergnügt und laut lärmend, gemütlich zehrend, freundlich scherzend, zechend, tanzend, beschauend. Und was gab es hier nicht alles zu sehen?
Viele sind schon am frühen Morgen nach Annaberg gekommen und nahmen die Sehenswürdigkeiten der Stadt in Augenschein.
Am Mittag ruft die Hospitalglocke zum Gottesdienst. Alles strömt dem weithin bekannten Gottesacker zu. Es ist ein herrlicher Frühlingstag. Von der Außenkanzel an der Hospitalkirche spricht der Prediger zu der auf den Gräbern und unter dem Schatten der berühmten Linde still zuhörenden Menschenmenge.
Alles lauscht den Worten des beredten Sprechers und wenn dann unter der tönenden Begleitung der Instrumentalmusik aus vielen tausend Stimmen der Gesang der Menge erschallt, wenn so manche stille Träne schmerzlicher Trennung geweint wird: wer fühlt sich da nicht emporgetragen von himmlischer Andacht und Begeisterung?
Und welches Wogen und seltsames Menschengedränge beginnt nun erst auf und vor dem Gottesacker? Die Gräber und Schwibbögen sind schönstens geschmückt und viele geschmackvolle Denkmäler und sinnige Sprüche nehmen die Aufmerksamkeit des Wanderers aus der Ferne in Anspruch. Und welches Getümmel, welch´ reges Leben zeigt sich nun außerhalb des Gottesackers?
Der Stadtrat hat in diesem Jahr die Buden der Verkäufer von dem seitherigen Platze oberhalb des Gottesackers hinweg weiter zurück auf den großen und zu diesem Zweck ganz passenden Exerzierplatz verwiesen. Hier drängt sich nun alles zusammen. Hier gibt’s zu kaufen, zu genießen. Es waren diesmal vorhanden: drei große Karusselle, mehrere Bolzenschießstände, viele Trinkbuden und Stände, die bekannten Fesselkuchen- und Bäckerbuden, Schuhmacher, Mützenmacher und Spielwarenhändler. Auch Schaubuden gab es mehr als sonst. Ein Wachsfigurenkabinett zeigte einige recht hübsche biblische und historische Stücke, daneben sahen wir Experimente aus der natürlichen Magie, und weiter oben zeigte man ausgestopfte Vögel und schöne seltene Käfer. Am meisten nahm jedoch die große, oberhalb der Gottesackermauer aufgestellte Tierbude des Herrn K. Renz die Aufmerksamkeit des Publikums in Anspruch. „Wer sie gesehen hat, alle diese zahlreichen Bewohner der glühend heißen Tropen und der kalten Polargegenden – den gelehrigen Elefanten, die Löwen, Tiger, Puma, Leoparden, die Pantherkatze, den Jaguar, die Hyänen, Bären, Wölfe, den Eskimohund, das Lama, die Tibetkatze, die Antilope, die zahlreiche Familie der nimmerruhenden Affen, die Vögel und Schlangen alle, welche hier zum großen Teile merkwürdig gezähmt und dem menschlichen Willen untertänig gemacht sind, er wird es nicht bereuen.
So ist der Tag unter Scherzen und Genießen, unter Schauen und Bewundern für die meisten vergangen und mit fröhlichem Herzen, leer gewordenem Geldbeutel und müden Füßen tritt die zahlreiche Menschenmenge allmählich den Heimweg wieder an, bis es endlich still wird in den Straßen Annabergs.
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1931
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Erschienen in der Erzgebirgs Rundschau – Kätzeitung 2001
Bildpostkarte Erzgebirgs Rundschau